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Big Blockchain is Watching You

Die gehypte Blockchain-Technologie wird als disruptive Errungenschaft gefeiert. Doch sie wird die in sie gesetzten Erwartungen genauso enttäuschen wie einst das Internet. Dafür wird sie viele Träume staatlicher Überwacher und privatwirtschaftlicher Datenkraken wahr werden lassen.

Die Blockchain ist in aller Munde. Bekannt geworden durch die Kryptowährung Bitcoin ist sie die neue Projektionsfläche für Hoffnungen und Ideen aller Art. Aber kann die Blockchain die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen?

Für staatskritische Befürworter der Blockchain ist der Bitcoin ein Beispiel für die Vorteile der neuen Technologie. Das Bitcoin System funktioniert ohne staatliche Regulierung oder Aufsicht. Notenbanken sind nicht vorhanden, neues Geld kann nicht aus politischen Motiven „gedruckt“ welch schönes Relikt aus analogen Zeiten – werden.

Der Erfolg des Bitcoins animiert zu zahlreichen neuen Anwendungen. Ethereum ist eine weitere Kryptowährung, welche am Erfolg des Bitcoins teilhaben möchte. Mit Blockcharge soll auf der Grundlage von Ethereum das Aufladen der Batterien von Elektroautos revolutioniert werden. Everledger, um ein drittes Beispiel zu nennen, will Diamanten und deren Transaktionen transparent in einer Blockchain erfassen, um das Geschäft mit Blutdiamanten einzudämmen.

Aber nicht nur neue Geschäftsmodelle in der Wirtschaft werden durch die Blockchain denkbar, sie entfalte ihre disruptive Wirkung auch bei demokratischen Prozessen. Mit Hilfe der Blockchain (und der NGO democracy earth) werde die politische Macht wieder zurück zu den Bürgern geholt, so der New Scientist. Milosz Matuschek ist gar der Meinung, dass die Blockchain zur Selbstermächtigung der jungen Generationen „Y und Z“ (also alle unter 35 Jahren) führen wird.

Die Entwicklung des Internets

Einiges erinnert an die hohen Erwartungen, welche in das Internet gesetzt wurden. Mit seiner „Declaration of the Independence of the Cyberspace“ erschuf John Perry Barlow ein Manifest liberaler und libertärer Strömungen, welche sich jegliche staatliche Einmischung in ihren sozialen Raum, den Cyberspace, verbaten. Dank des globalen Kommunikationsnetzwerkes sollte eine freie Kommunikation zwischen allen Menschen möglich werden und die Menschheit näher zusammen rücken. Der Wissens- und Gedankenaustausch sollte eine zivilisatorische Errungenschaft sein, frei von Gesetzen oder wirtschaftlichen Abhängigkeiten.

Die heutige Realität des Internets hat nur noch wenig mit den Utopien der Anfangszeit gemein. Nach der anfänglichen Euphorie, welcher auch Barlow‘s utopisches Manifest entsprungen ist, kamen mit zunehmendem Wachstum kommerzielle Akteure ins Internet. Deren Interessen hatten nichts mit denen der ersten NutzerInnen gemein. Daraus entwickelte sich die kommerzielle Sphäre des Internets, wie wir es heute kennen: Kommerzielle Marktplätze, welche durch Tracking zielgerichtete Produkte anbieten – kostenlose Angebote von E-Mails über Dokumentenbearbeitung bis zu Online-Speicher. Diese Anbieter sind auf eine möglichst genaue und engmaschige Datenerfassung ihrer NutzerInnen angewiesen. Denn diese bezahlen die Dienste, welche sie in Anspruch nehmen, nicht mit Geld, sondern mit der Aufgabe ihrer Privatsphäre.

Etwas später, aber dafür mit aller Macht, traten staatliche Akteure im Internet auf. Öffentlichkeitswirksam sind hier zwei Punkte zu nennen: Zum einen die in grossen Teilen ineffektive Gesetzgebung, mit welcher der Nationalstaat seinen Souveränitätsanspruch im Internet und dessen Cyberspaces geltend machen möchte. Jüngstes Beispiel einer solchen wirkungslosen Legislatur ist das Geldspielgesetz, durch welches der Schweizer Gesetzgeber versucht, den Zugang zu ausländischen Online-Casinos von einem Schweizer Internetanschluss aus zu verhindern.

Zum zweiten sind massenhafte Überwachungsmassnahmen, leider technisch führend von Institutionen liberaler Demokratien, zu einem allumfassenden Problem geworden. Gemein ist den Übergriffen auf die Privatsphäre die Verletzung des Verhältnismässigkeitsprinzips und eine mangelnde Kontrolle der Überwachenden, die zumeist keine rechtlichen oder disziplinarischen Massnahmen bei Verstössen zu fürchten haben. Auch das von der Schweizer Wahlbevölkerung angenommene Nachrichtendienstgesetz (NDG) soll, vor allem mit dem Element der Kabelaufklärung, zur allumfassenden Überwachung des grenzüberschreitenden Datenverkehrs führen.

Die Vorteile der Blockchain

Wie das Internet so bietet auch die Blockchain einige Vorteile, die zur Euphorie verleiten. Im folgenden möchte ich die Vorteile, welche Befürworter aufzählen, kurz zusammenfassen und ihre Kehrseite aufzeigen.

Wird mit der Blockchain alles anders, alles besser? Der Blockchain werden mehrere Eigenschaften zugeschrieben, welche ihre Vorteile herausstellen sollen: Transparenz, Dezentralismus und Sicherheit.

Transparenz soll der Blockchain durch zwei Eigenschaften verliehen werden. Zum einen auf der Ebene der Software-Architektur durch Verwendung von Open Source Code, zum anderen durch das öffentliche Verzeichnis aller Transaktionen, dem Kern der Blockchain Technologie.

Doch diese Transparenz ist keine intrinsische Eigenschaft der Blockchain. Der Open Source Code ist nur hilfreich, sofern er im betriebenen Netzwerk auch transparent eingesetzt wird. Es ist ein Leichtes, den verwendeten Code zu modifizieren und kompiliert im eigenen Netzwerk laufen zu lassen. Im Kontext der eigentlichen Blockchain kann aus der beworbenen Transparenz gar ein grosses Problem erwachsen. Die Anonymität der Blockchain ist ebenfalls kein Naturgesetz, welche der Blockchain inne wäre. Durch einen Wechsel von einer Anonymisierung zu einer Pseudonymisierung – wie bei den unten diskutierten Patientendossiers – wäre es möglich, für jeden Benutzer ein lückenloses Transaktionsprofil zu erstellen – alles dank Blockchain. Die Anonymität wäre damit ausgehebelt.

Der Dezentralismus durch ein dezentrales System an Servern ist davon abhängig, dass diese Server zum einen frei zugänglich, zum anderen auf verschiedene Besitzer verteilt sind. Ein Blockchain System, welches lediglich aus Servern eines Unternehmens oder einer Behörde besteht, verliert den Dezentralismus, ohne eine Zeile Programmcode ändern zu müssen.

Der Aspekt der Sicherheit ist in der Tat ein gewichtiges Argument. Aber diese wird wie bei bestehenden anderen Systemen sowohl von ökonomischer als auch staatlicher Seite unterminiert. Wenn den Überwachungsbehörden aktuell eine Reihe von Kryptomessengern ein Dorn im Auge ist, so wird dies auch für sichere Blockchains gelten. Die Sicherheit einer kommerziellen Blockchain hängt also in erheblichem Masse davon ab, inwiefern sie nicht den geschäftlichen Interessen ihres Betreibers widerstrebt oder Überwachungsaktivitäten staatlicher Akteure gefährdet.

Drei Big Brother Blockchains

Ein paar fiktive Beispiele sollen mein Argument verdeutlichen. Beim ersten Beispiel geht es um einen Kontrollverlust des Nutzers über seine Daten zugunsten eines kommerziellen Anbieters. Das zweite Beispiel beschreibt eine durch den Gesetzgeber eingeführte Blockchain. Und im dritten wird der Vorzug der Technologie für den Einsatz in autoritären Regimen deutlich gemacht.

Die kommerzielle Blockchain

Nehmen wir an, ein Unternehmen nutzt die Blockchain im Energiesektor, wie es beispielsweise von electron angestrebt wird. Die Blockchain wird dazu benutzt, den Verbrauch der einzelnen Benutzer zu erfassen und auszuwerten. Anonym ist ein solches System nicht, man hat eine Zuordnung von Messstellen in den einzelnen Haushalten (oder noch detaillierter, dank dem Internet of Things), welche einfach den Verbrauchern zugeordnet werden können. Die Server werden vom Anbieter selbst betrieben, ob der Code der Blockchain modifiziert wurde, ist für den Verbraucher also nicht nachvollziehbar. Und selbst, wenn er den vollen Source Code zur Verfügung hat, das System basiert ausserdem noch auf den teuren und proprietären Stromzählern. Für den Anbieter liegen die Vorteile auf der Hand. Er kann extrem genaue Daten über die einzelnen Haushalte oder gar Personen in einem Haushalt erheben, um diese Profile dann zu verkaufen oder selbst zielgerichtete Werbung an die Nutzer zu schalten.

Auch ein staatlicher Überwacher kann natürlich auf die Daten zugreifen. Entweder ist er offiziell vom Gesetzgeber dazu befugt, oder er bricht ohne Befugnis in das Netzwerk ein. Im vergangenen Jahrzehnt ist es keinem Geheimdienst übel genommen worden, wenn er dies zugunsten der „Sicherheit“ unternommen hat. Selbst Exekutivpolitiker können unregulierte Bereiche nutzen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen, wie der Kauf eines Trojaners durch den Zürcher Sicherheitsdirektors Mario Fehr zeigt.

Die liberal-demokratische Staatsblockchain

Ein zunehmend diskutiertes Einsatzgebiet besteht bei Patientendossiers. Diese Patientendossiers sind nicht anonym. Zwar kann die eigentliche Blockchain von der Pseudonymliste getrennt sein, doch wenn man im Besitz dieser Liste ist, hat man vollen Zugriff auf die Patientendaten. Auch Transparent ist eine solche Gesundheits-Blockchain nicht, da die Server vollkommen im Staatsbesitz (oder dem eines beauftragen Unternehmens) sind. Für den Einfluss staatlicher Überwacher gilt dasselbe wie bei der kommerziellen Blockchain. Im Gegensatz zum kommerziellen Anbieter kann sich einem Eintrag in diese Blockchain niemand entziehen, wenn der Gesetzgeber dies festlegt.

Die nordkoreanische Blockchain

Auch das nordkoreanische Regime kann an den Segnungen neuer Technologien teilhaben. Um eine grösstmögliche Kontrolle über seine Bevölkerung zu haben, wurde eigens das Betriebssystem RedStar OS entwickelt. Eine wichtige Komponente ist dabei das Anbringen von Wasserzeichen an Dateien. Jedes Mal, wenn eine Datei geöffnet, modifiziert oder verschoben wird, hängt das System ein solches Wasserzeichen an die Datei an. Bei einer Durchsuchung des Computers – unterstellen wir mal vom staatlichen Sicherheitsapparat, nicht von der Mutter – kann von jeder Datei eine Chronologie eingesehen werden, welche den Benutzer in Schwierigkeiten bringen kann, wenn er beispielsweise Daten mit Oppositionellen ausgetauscht hat.

Die Blockchain ist eine ideale Technologie, um diese Überwachungtechnik noch effektiver zu gestalten. Jede Datei wäre dann direkt bei den Behörden registriert, und jede Interaktion würde übermittelt, und das lückenlos und in Echtzeit. Fehlen nur noch ausreichend Internetanschlüsse in Nordkorea.

All diese Beispiele entspringen lediglich aktuellen Geschäftsmodellen sowie der aktuellen Gesetzgebung. Falls sich die Entwicklungen aus der Genese des Internets auf die Blockchain übertragen lassen, sind die beschriebenen Szenarien sehr wahrscheinlich. Die Segnungen der Blockchain würden bei solchen Szenarien kaum noch Wirkung zeigen.

Wofür sollen Grüne eintreten?

Die beschriebenen Szenarien sind Projektionen der aktuellen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lage in die Zukunft. Es liegt an den Grünen, sich in diesen Prozess einzumischen. Es braucht weiterhin eine vehemente Fürsprecherin und Verteidigerin für Grundrechte im Netz, allen voran für den Schutz der Privatsphäre. Es braucht die Kompetenz, das Fachliche mit dem Politischen zu verbinden und nicht analoge Antworten auf digitale Fragen zu geben. Unter diesen Grundannahmen kann auch die Blockchain sinnvoll eingesetzt werden.